Manchmal genügen schon kleine, fast unscheinbare Gipfel, für ein tief befriedigendes Bergerlebnis. Wir sechs Kletterer fanden dieses, im September 2020 auf den Bergen der Hornbachkette in den Allgäuer Alpen.
Endlich hatte sich die Möglichkeit ergeben, dieses Jahr doch noch alpin zu klettern. Auch wenn die Wettervorhersage nicht nur eitel Sonnenschein verhieß, ließen wir uns nicht abbringen. Fast schon trotzig stapften wir hoch zur Hermann von Barth- Hütte die mitten in den Allgäuer Alpen liegt.
Vier Tage später nun diese Freude! Wir sitzen, etwas abgekämpft, aber ganz im Reinen mit uns und unserem Tun, auf dem Gipfel der Wolfebnerspitze und können unser Glück kaum fassen.
Alle Wolken haben sich verzogen, die Gipfel der Lechtaler grüßen im Sonnenschein und die „Neue Südwestkante“ hatte uns gerade so viel abverlangt, dass der Klettertag guten Gewissens beendet werden kann. Aber der Reihe nach.
Tag eins (Sonntag) stiegen wir erst spät und gemütlich von Elbigenalp her auf. Die nassen Felsen lockten uns nicht zum frühen Aufbruch und so war der einzige Termin, das Abendessen auf der Barth- Hütte. Oben angekommen wurden wir sehr freundlich vom Hüttenteam begrüßt und das Essen war, wie alle folgenden Tage, lecker und reichhaltig. Vorhersage für morgen: Wechselhaft mit Schauerneigung.
Tag zwei konnte also spannend werden. Und während eine Seilschaft die Baseclimbs am Valugablick anging, zog es uns in die „Helle Schicht“. Eine Tour im 5. Grad, in der laut Führer „Klemmkeile notwendig“ sind.
Bis wir die sechs Seillängen bewältigt hatten, waren nur einzelne Regentropfen zu spüren. Allerdings „verliefen“ wir uns anschließend bei der Querung zum Normalweg und so dauerte der Abstieg nahezu so lange, wie das Klettern selbst. Nur gut, dass das Wetter doch hielt.
Am dritten Tag zog es uns zur Ostwand der Wolfebnerspitze. „Bluatschink“ [10Sl./4+] und „Mina“ [8Sl./3+] hatten wir im Sinn. Dabei war weniger die Schwierigkeit, als vielmehr die Wegfindung und das saubere Gehen eine Herausforderung für sich. Es ist doch immer gut, wenn der Sichernde unter dem Vorsteiger, unverletzt und gut gelaunt bleibt!
Tag vier widmeten wir erneut der Ostwand. Mit „Alexandra“ hatten wir ein ganz besonders „Alpines Schmankerl“ erwischt. Relativ neu und mit 5+ bewertet, aber mit sehr weiten Abständen der Zwischensicherungen und teilweise brüchig wie ein echter Dolomitenklassiker. Frühere Spitzenkletterer wie Johann Baptist Vinatzer hätten ihre helle Freude daran gehabt.
Nun ja, beim Recherchieren für diese Zeilen lese ich dann auch: „Das vorherrschende Gestein der Hornbachkette ist der spröde, brüchige Hauptdolomit!“ Allerdings muss ich gleichwohl relativieren: Der Verlauf der allermeisten Routen ist gut gewählt und damit der „Bruch“ mit geschickter Routen- Auswahl meist zu vermeiden, so man dieses will.
Am Abend stoßen noch Gerhard und Stefan zu uns und der nächste Tag wird, wie immer gemeinsam geplant.
Am fünften Tag werden, außer den kurzen Routen, auch die Nordgipfel- Südwand [6Sl /6-], die Baderführe [4Sl./5+] und die Neue Südwestkante [7Sl./6+] erfolgreich von uns berannt. Letztere endet direkt auf dem Hauptgipfel der Wolfebnerspitze. Die Aussicht ist an diesem Nachmittag herzerwärmend und das Gipfelglück perfekt.
Abends dann kann sich das Erlebte in Ruhe setzen.
Es sei denn, Harald unser Hüttenwirt greift zur Harmonika. Dann werden die Lachmuskeln heftig strapaziert und durchaus auch einmal die Hüttenruhe vergessen. An dieser Stelle nochmals ein dickes Dankeschön für den Spaß und die guten Tipps- auch das Wetter betreffend.
Am sechsten Tag war das Wetter dann doch besser als noch gestern vorhergesagt. „Wer um 15Uhr unten ist wird nicht nass!“ verspricht uns Harald. Also wird zügig gefrühstückt, und die Routen gewechselt, damit uns nicht Unvorhersehbares einen Strich durch die Rechnung macht. Dass eine Seilschaft dann doch einen Verhauer hat, zeigt wie wichtig eine gute Planung ist.
Wehmütig werden danach noch einige Sportkletterrouten am Parseierblick unternommen. Beim fast schon widerwilligen Aufbruch zurück zur Hütte, bleiben als kleiner Trost nur der kommende Hüttenabend und das leckere Abendessen.
In den vergangenen Tagen lernten wir die Klettereien hier sehr schätzen. Wer bis 6+ alpin klettern möchte, kann hier weit mehr als eine Woche seiner Leidenschaft frönen.
Der größere Teil der Routen wurden ab 1999 unter der Leitung von Toni Freudig umfangreich saniert. Deren Absicherungsqualität entspricht, somit kaum verwunderlich, der in den Routen im Tannheimer Tal.
Wir haben für unseren nächsten Besuch den Barthgeier und den Schwabentanz bereits fest auf der ToDo Liste. Bis demnächst in den Allgäuer Alpen!
Tipps:
· Die Wegfindung vom Nordgipfel zum Normalweg nicht unterschätzen. Ist sehr wenig los, kann über die „Helle Schicht“ abgeseilt werden.
· Wer auf der Wolfebener Schulter steht, kann als Nachschlag zwei Seillängen der Himmelsleiter anschließen und über den „Schwabentanz“ abseilen
· Aussagen wie: „Die Absicherung ist für Alpine Routen in den Allgäuer Alpen überdurchschnittlich gut“ sind subjektiv und nicht durchgehend zutreffend.
· Bis zum siebten Grad ist hier genug geboten, für mehr als eine Woche klettern.
· In der zweiten Jahreshälfte sind mehr Wanderer auf der Hütte è Freie Routenauswahl wahrscheinlich!
· Das Hüttenteam um Harald und Marion Wolf verdient drei Sterne***
· Einen Gebietsführer mit Topos von Toni Freudig hat Harald immer da.
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