Hoch-Mut kommt vor dem Fall. Das haben wir jetzt davon. Sie liegt am Boden, in der Lache ihrer verderblichen Überreste, gebrochen und leer. Das haben wir jetzt davon, unsere Flasche Sonnenblumenöl in Scherben. Aber wir wollen positiv denken, vielleicht bringen uns die Scherben ja Glück. Ja… vielleicht war die Ölflasche unsere Opfergabe: Sie musste fallen, damit wir es nicht tun beim Klettern um Colmar im Elsass. Also zögern wir nicht lange, beseitigen die schlimmste Sauerei, verstauen das verbleibende Gepäck und fahren am späten Donnerstagvormittag im gut gefüllten DAV-Bussle los. Wir nehmen die kürzeste Route, doch auch die ist lang genug, um auf ungewöhnliche Gedanken zu kommen: So wird die Idee einer DAV-Motorradtour geboren, die einst gelernten Franzvokabeln, wollen uns dagegen partout nicht wieder in den Sinn.
Nachdem wir uns auf einem klettergebietsnahen Parkplatz und den Crashpads ausgiebig von der anstrengenden Anreise erholt haben, bouldern wir uns erstmal ein bisschen warm. Im herbstlich gefärbten Laubwald findet jeder, was er dafür braucht: Felsen aus rötlichem Sandstein und zwei Bäume für eine Hängematte.
Abends am Campingplatz angekommen, öffnen wir den Kofferraum ein weiteres Mal besonders vorsichtig und beziehen ohne weitere Komplikationen unsere gemütliche Sechs-Personen-Hütte. Ganz ohne Sonnenblumen- oder auch Motoröl, das ersatzweise kurz in Diskussion war, gelingt es ein paar Zwiebeln anzubraten, mit Kokosfett nämlich (eigentlich aus kosmetischen Gründen mitgenommen), Not macht eben erfinderisch. Es entsteht eine überaus großzügige Portion Schupfnudeln mit Sauerkraut, Speck und einem Hauch von Kokos, von der wir noch tagelang zehren werden. Unser erster Abend wird ein langer mit Bier, „UNO“, Glühwein und „Mäxle“ und nicht anders lässt sich wohl erklären, warum wir am nächsten Tag erst um 16 Uhr am Fels sind. Unser kurzes Klettervergnügen wird dann von der Dunkelheit beendet, in der wir über Stock und über Steine, aber ohne uns die Beine zu brechen, wieder zurück zum Auto laufen.
Unsere nächste Mission ist Wein bei einer der Winzerfamilien im nahen Gueberschwihr zu kaufen. Das verschlafene Örtchen haben wir davor schon etwas besser kennenlernen dürfen, bei einer kleinen Busslerundfahrt durch dessen überaus schmale Kopfsteinpflastersträßchen. Danke, Navi!
Nun sind wir zu Fuß unterwegs und haben bald einen freundlichen Winzer gefunden, der noch dazu genug Französisch, Englisch und Deutsch für uns alle kann. Mit Wein geht es heim, aber natürlich nicht, ohne auch eine kleine unfreiwillige Rundfahrt durch die Gassen Colmars gemacht zu haben. In unserer Hütte mangelt es uns an nichts und auch nach Ankunft des Nachzüglers, sind noch genug Schupfnudeln, Spaghetti mit Tomaten-Auberginen-Sauce und Schokopudding für alle da.
Ja, sogar der Platz reicht gut für uns sieben, auch, weil manche gerne ein bisschen näher zusammenrücken. An diesem Abend spielen wir „Wizard“ und bestaunen am Ende unserer Spielrunden die Bilder, die sich ergeben, wenn man die Karten nebeneinanderlegt.
Was unsere Disziplin angeht, scheinen wir uns von Tag zu Tag zu steigern, denn am Samstag stehen wir „schon“ um zwei vor den Kletterfelsen. Für jedes bei uns vertretene Niveau finden sich Routen zum Schaffen und Scheitern. Zu schaffen machen uns „diese verdammt kleinen Löcher“ und die kalten Finger. Danke, Erfinder der Taschenwärmer! Und so endet ein Klettertag, der diesen Namen schon ein bisschen verdient, wieder auf halbdunklen Waldpfaden und zum Weinkauf in Gueberschwihr. Auf der Rückfahrt besuchen wir noch den Decathlon und verlassen ihn mit einmal Fingertrainer und neuer Hängematte im Gepäck. Zur sonnengelben Krönung des Tages bekommen wir, eigentlich schon satt vom Abendessen, noch eine Schüssel schwäbischen Kartoffelsalat von unseren Nachbarn geschenkt. Beim „Dixit“-Spielen im Anschluss trainieren wir diesmal unsere Kreativität.
An unserem letzten Tag erreichen wir mit elf Uhr unsere absolute Kletterstartrekordzeit, den Abreisebestimmungen des Campingplatzes geschuldet, und verbringen am roten Sandstein einen letzten schönen Klettertag. Zum ersten Mal im Hellen treten wir schließlich den Rückweg an und drei, zwei, eins, sitzen wir aufgereiht im Bussle. Schläfrig vom Klettern und kurzen Nächten, hören wir zufrieden gute Musik und singen manchmal mit. Es war eine gute Ausfahrt. Niemand hat sich ernsthaft verletzt. Danke, o Sonnenblumenöl!
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